In der römischen Republik stritten mächtige Männer um noch mehr Macht. Das höchste Amt im Staate war das Konsulat. Hatte man diese Stufe in der Hierarchie erreicht, durfte man ein Jahr lang gemeinsam mit einem Kollegen Rom regieren. Danach winkte eine Stelle als Prokonsul und Statthalter in einer Provinz, die man zur Mehrung des eigenen Reichtums ausbeuten konnte.
Es gibt Historiker, die behaupten, dass der eben skizzierte Zusammenhang die eigentliche Ursache für die Expansion des römischen Reiches war. Dieser Erklärungsansatz ist zweifelsohne zu monokausal. Doch ist die Konkurrenz innerhalb der römischen Nobilität eine hervorragende Veranschaulichung für das, was der große Welt- und Menschenerklärer Immanuel Kant (1724-1804) in seiner Schrift „Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht“ (1784) die „ungesellige Geselligkeit“ der Menschen genannt hat.
Der Mensch sucht gerne die Gesellschaft anderer Menschen, stört sich aber daran, dass diese häufig nicht so wollen wie er. Allein schon die Vermutung, eine andere Person könnte sich dem eigenen Willen widersetzten, löst großes Unbehagen aus. Der Wunsch, den tatsächlichen oder vermeintlichen Widerstand des Anderen zu überwinden, ist die Ursache von Ehrgeiz. Was von vielen möglicherweise als unangenehme Verhaltensweise gesehen wird, ist für Kant der wesentliche Antrieb gesellschaftlicher Entwicklungen, in politischer wie auch in kultureller Hinsicht.
Gäbe es folglich die aus der „ungeselligen Geselligkeit“ resultierende Konflikte nicht, würde der Mensch die Talente, welche ihm die Natur gegeben hat, nicht oder nur in geringfügigen Maße entwickeln – Stagnation.
Trifft das zu? Nutzen nicht beispielsweise künstlerisch begabte Menschen häufig ihre Fähigkeiten ohne Ehrgeiz als wichtigstem Motiv ihres Handelns? Auf dem Feld des Politischen leuchtet die Idee des Königberger Philosophen schon eher ein. Es gibt zahllose Beispiele dafür, wie Menschen wegen persönlicher Ambitionen in den Weltenlauf eingegriffen haben. Entsprechen die Produkte ihres Handelns dem Gemeinwohl ist hieran nichts auszusetzen – nicht immer war und ist dies der Fall.
Thorsten Heckmann